· Pressespiegel

Zwischen Bockwurst, Feldbetten und Herzdruckmassage

Zugführerin Sandra Maser (r.) absolviert gemeinsam mit Darja Jordan die erste Reanimationsrunde am Ausbildungsabend. Gearbeitet wird in wechselnden Zweierteams.Foto: Eric Buchardt
Zugführerin Sandra Maser (r.) absolviert gemeinsam mit Darja Jordan die erste Reanimationsrunde am Ausbildungsabend. Gearbeitet wird in wechselnden Zweierteams.
Bereit für den Ernstfall: In der Halle im Heideweg stehen die Einsatzfahrzeuge des Güstrower Sanitäts- und Betreuungszuges aufgereiht.Foto: Eric Buchardt
Bereit für den Ernstfall: In der Halle im Heideweg stehen die Einsatzfahrzeuge des Güstrower Sanitäts- und Betreuungszuges aufgereiht.
Am großen Monitor erklärt Sandra Maser die Trainingsdaten, die von der computergestützten Übungspuppe übertragen werden. Fehler beim Druckpunkt oder Rhythmus werden so sofort sichtbar.Foto: Eric Buchardt
Am großen Monitor erklärt Sandra Maser die Trainingsdaten, die von der computergestützten Übungspuppe übertragen werden. Fehler beim Druckpunkt oder Rhythmus werden so sofort sichtbar.
Kreisbereitschaftsleiter Danny Maser in einem der Einsatzfahrzeuge. Links kann bei Bedarf eine zweite Patiententrage montiert werden, um zwei Verletzte gleichzeitig zu transportieren.Foto: Eric Buchardt
Kreisbereitschaftsleiter Danny Maser in einem der Einsatzfahrzeuge. Links kann bei Bedarf eine zweite Patiententrage montiert werden, um zwei Verletzte gleichzeitig zu transportieren.

Nordkurier online 16.10.2026 von Eric Buchardt

Seit 35 Jahren rücken die ehrenamtlichen Einheiten des DRK Güstrow zu Katastrophen und Großlagen aus. Ein Ausbildungsabend im Heideweg zeigt, wie viel Fachwissen und Einsatz dahinterstecken.

Es ist Mittwochabend, kurz vor 18 Uhr im Heideweg 43. Vor dem Ehrenamtszentrum des DRK Güstrow stehen die Helfer in Reih' und Glied. Das Antreten vor der Übung ist ein festes Ritual – um das Thema abzustecken, aber auch um zu hören: Wo drückt der Schuh? Was gibt es an Fragen oder Anregungen? Denn hier wird von Menschen für Menschen gearbeitet. Und ehrenamtlich.

Das Datum ist kein gewöhnliches: Auf den Tag genau vor 35 Jahren, am 14. Oktober, wurde der Sanitäts- und Betreuungszug gegründet. Ein Jubiläum, das eng mit Hilmar Fischer verbunden ist: Er feierte zeitgleich sein 35-jähriges DRK-Jubiläum. Fischer hat den Zug damals maßgeblich mit aufgebaut und ist bis heute als hauptamtlicher Ehrenamtskoordinator an der Seite von Elena Fehlhaber dabei.

Theorie, Praxis und ein Schmunzeln

Drinnen im Seminarraum steht Reanimation auf dem Lehrplan. Die Übung kommt nicht von ungefähr: Um die Sanitäter-Qualifikation zu halten, müssen alle zwei Jahre 16 Fortbildungsstunden nachgewiesen werden – und jährlich steht die Reanimationsprüfung an. Zugführerin Sandra Maser stimmt die Anwesenden ein: „Ich mach das einmal vor, dann könnt ihr euch auf der Puppe austoben.“ Die computerunterstützte Übungspuppe misst unbestechlich Drucktiefe und Rhythmus der Herzdruckmassage. Gearbeitet wird in Zweierteams – und spontan zusammengewürfelt. „Jeder muss im Ernstfall mit jedem zusammenarbeiten können“, so Maser.

Als die Auswertung auf dem Tablet zeigt, dass der Druckpunkt nicht stimmte und eher der Bauch massiert wurde, heißt es: konstruktives Feedback aufnehmen und Neustart. Ein Luxus, den man sich nur im Training erlauben kann, um für den Ernstfall fit zu sein. Bei einer anderen Gruppe lief es besser, aber auch hier gab es Nachsteuerungsbedarf: „Den Kreislauf hattet ihr gut in Schwung gebracht“, lobt Maser, „aber die Beatmung kam nicht an.“

Ein komplexes System für den Ernstfall

Was Bürger sonst nur von der Absicherung von Großveranstaltungen wie Reitturnieren oder Fußballspielen kennen, ist im Hintergrund ein ausgeklügeltes Katastrophenschutz-System aus vier Säulen: Der Sanitätszug kümmert sich um die medizinische Erstversorgung, der Betreuungszug um Verpflegung, Unterkunft und die Betreuung Betroffener. Die Registrierung erfasst bei Evakuierungen oder Großschadenslagen alle betroffenen Personen. Die Medical Task Force (MTF) schließlich ist eine bundesweit standardisierte Großeinheit für den überregionalen Katastrophenschutz.

Die Ausstattung ist entsprechend umfangreich: Neben verschiedenen Rettungs- und Transportwagen stehen auch Lkw mit Feldküche bereit, um die Truppe autark zu versorgen – für den schnellen Einsatz reichen vor Ort oft Hockerkocher, Bockwurst und Getränke. Dazu kommen Zelte, Heizungen, Notkleidung und Feldbetten, um binnen kurzer Zeit Notunterkünfte einzurichten – etwa wie zu Beginn des Ukraine-Krieges. Auch bei Großschadenslagen und der sogenannten Triage, der Sichtung und Einteilung von Verletzten in Farbstufen nach Behandlungsdringlichkeit, müssen die Helfer funktionieren. „Da müssen manchmal schwere Entscheidungen getroffen werden“, weiß Kreisbereitschaftsleiter Danny Maser.

Geschichten hinter den Dienstjacken

Dass das Ehrenamt im Heideweg völlig unabhängig von Alter oder Beruf funktioniert, zeigt ein Blick in die Runde. Nach 5.600 Stunden im Jahr 2025 steht der Zähler aktuell schon wieder bei 5.200 Stunden. „Ein riesengroßes Dankeschön an die Helfer, die sich das Wochenende um die Ohren schlagen“, betont Danny Maser.

So wie Darja Jordan: Wenn bei der 28-jährigen Krankenschwester das Handy klingelt und ihr Bereitschaftsleiter anruft, muss sie schmunzeln. „Da sehe ich auf dem Display nur ‚Wochenende adieu‛ – seinen Namen habe ich nur in Klammern dahinter gesetzt.“ Beim DRK schätzt sie vor allem die Eigenverantwortung: „Auf Arbeit habe ich immer Ärzte dabei. Im Absicherungseinsatz muss ich zunächst alleine entscheiden, ob ich einen Notarzt oder Rettungswagen dazurufe.“

Noch etwas jünger ist Arne von der Werth (20), Azubi zur Pflegefachkraft, der schon seit 2019 dabei ist. Stephan Borowicz (36), heute Zugführer des Betreuungszuges, kam 2017 über einen Notfall auf einem Festival zum aktiven Dienst: „Ich stand daneben und hab mich blöd gefühlt. Ich wollte wissen, wie man vernünftig reagiert – und das hat mir dann mehr Spaß gemacht, als ich dachte.“ Heute bringt der Sachbearbeiter für Katastrophenschutz des Landkreises seine Erfahrung in Güstrow ein. Auch Peter Dolgow (59), Maschinenbauingenieur und Teamleiter bei der MTF, kam einst über den Rettungsdienst zum Ehrenamt und stellt fest: „Ich bin schon länger beim DRK, als es die Bereitschaft gibt.“

Eine Schlüsselrolle nimmt Sandra Maser ein. Die Anästhesie-Fachkrankenschwester ist seit 2008 im Ehrenamt aktiv, führt heute den Sanitätszug und bildet den Nachwuchs aus: „Im Einsatz muss ich mit wenigen Mitteln ganz viel machen können, um den Patienten zu stabilisieren, bis der Rettungswagen da ist.“

Offene Türen für jedermann

Die Ausbildungspalette reicht vom Ersthelfer bis zum Sanitäter, für den fordernde 60 Ausbildungsstunden fällig werden. Um den enormen Einsatz auch in Zukunft auf viele Schultern zu verteilen, sind Neuzugänge jederzeit willkommen. Wer reinschnuppern möchte, kann mittwochs um 17.45 Uhr im Heideweg 43 vorbeischauen. Die Ausbildungsabende beginnen ab 18 Uhr. Infos gibt es unter drk-guestrow.de oder per Telefon unter 03843 69490.